Gott sei Dank haben wir jetzt Frieden!

Mein Vater wurde 1944 im Alter von 16 Jahren als Luftwaffenhelfer an der Remagener Brücke eingesetzt.

Er schildert seine Erlebnisse in einer Rede am 7. März 2010 in der Stadthalle in Remagen.Heinz Schwarz

Gestern vor 65 Jahren vermittelte ich im nördlichen Turm in Erpel ein Telefongespräch. Im obersten

Raum dieses Turmes war die Vermittlungsstelle für die Verbindung des Kampfkomandanten des Heeres zu den Pionieren an der Brücke und anderen im Raum Remagen anwesenden militärischen Einheiten.

Es klingelte und es meldete sich Hauptmann Bradtke, der Kampfkommandant, und

forderte den Chef der Pioniere, Herrn Hauptmann Friesenhahn. Wir – alle Soldaten wie Luftwaffenhelfer – spürten, dass es eine besondere Situation war. Ich stöpselte die Verbindung und hörte folgendes Gespräch: „ Friesenhahn, hier Bradtke: Heil Hitler Herr Friesenhahn: Heil Hitler Herr Bradtke: Amerikaner in Rheinbach durchgebrochen. Mit Vorstoß auf Bonn und Remagen ist zu rechnen. Brücke ist mit Zündung zur Sprengung vorzubereiten. Heil Hitler Herr Friesenhahn,  Heil Hitler Herr Bratke!“

Natürlich war es verboten, die Gespräche mitzuhören. Aber die Technik des Hörers machte es möglich zu  hören, ohne dass  die Gesprächspartner dies feststellen konnten. Am Hörer gab es eine Taste, die man drücken musste zum Sprechen. War die Taste nicht gedrückt, konnte man hören.

Meine erste persönliche Reaktion war, jetzt kommt der Krieg zu mir. Sieben Monate war ich jetzt Luftwaffenhelfer.

Am 24.juli war ich 16 Jahre geworden.

Am 1. August 1944 hatte ich meinen Dienst begonnen. Unsere Unterkunft war in Engers im Saal des Kolpinghauses.

Unser Gelöbnis legten wir mit vielen anderen auf der Festung Ehrenbreitstein ab. Sechs Wochen dauerte die Ausbildung an der Brücke in Engers an der 3,7 Flakkanone.

Mein erster Einsatz war auf der Karthause in Koblenz. Ich hatte in einer Nacht Wache zu schieben, als ein Angriff auf Koblenz war. Die längste Zeit an diesem Abend verbrachte ich in einem Deckungsloch, das für eine Person errichtet war. Man ging in die Hocke und in diesem Fall hatte ich einen, von irgendjemand, gefertigten Holzdeckel. Dieser Holzdeckel sollte die Erde abhalten, die einen durch die Bombe zuschütten konnte.

Meine Erinnerung an diese Wache ist, dass ich die Bomben an mir vorbei rauschen hörte, die auf die Stadt flogen.

Für mich war diese Nacht ein Grund zu versuchen, nach Erpel zu kommen. Die „Koblenzer“ und die „Remagener“ gehörten zu einer Batterie. Meine Bemühungen waren erfolgreich und ich zufrieden, weil ich damit den Nachtangriffen auf Koblenz ausweichen konnte.

An der Ludendorf Brücke war mein erster Einsatz im Kripper Feld an einem 60 cm- Scheinwerfer. Unsere Unterkunft war in einem Gartenhäuschen in einem Obstgarten.

Ich meine, es war die gleiche Stelle, wo wir heute noch ein solches Gartenhäuschen sehen können. Der Scheinwerfer stand etwa 50 bis 60 m in Richtung Rhein. Eine bleibende Erinnerung an diesen Einsatz ist eine Feststellung eigenen Verhaltens.

Abends waren wir am Scheinwerfer, um evtl. feindliche Flugzeuge zu erfassen. Natürlich blieb man nicht immer wach, sondern döste oder schlief sogar ein. Zunächst war die größte Störung der Zugverkehr auf der rechten Rheinseite. Die Erpeler Ley war ein guter Reflektor zur Verstärkung der Geräusche, die auch damals schon insbesondere die Güterzüge verursachten. Dennoch störten diese nicht beim Dösen oder gar Einschlafen. Hellwach wurde ich immer, wenn entfernt Motorengeräusch zu hören war.

Ich  habe während meiner Zeit als Luftwaffenhelfer kein Tagebuch geführt, deshalb weiß ich auch heute noch nicht, wann ich auf der Erpeler Ley landete.

Auch hier wieder an einem Scheinwerfer. Gute Erinnerung habe ich an unseren Chef, den Stabsgefreiten Eierkuss aus Neuwied. Ein alter Soldat, der Vater mehrer Kinder war, er hätte auch unser Vater sein können.

Scheinwerfer werden am Tag nicht benötigt. So beobachteten wir das Geschehen an und um die Brücke. Wir wohnten in einer Baracke. Der Stabsgefreite und drei Luftwaffenhelfer. Bei zu erwartenden Angriffen auf die Brücke war unser bombensicherer Platz ein Loch in der Erpeler Ley. Als die Ley noch ein Steinbruch war, wurde dieses „Loch“ gebohrt, um die im Steinbruch gewonnenen Steine zu einem transportfähigen Platz zu bringen.

An einem Tag genügte die Zeit nicht mehr, um unser Loch zu erreichen und ich schmiegte mich fest auf die Erde im beginnenden Hang der Ley in Richtung Erpel. Bomben fielen auf das Plateau, unsere Baracke fiel auseinander und Splitter und Steine über mich hinweg. Eine unvergessene Mahnung, rechtzeitig unseren eigenen Luftschutzbunker aufzusuchen.

Auch Luftwaffenhelfer mussten zum Friseur. Der ungefährlichste Ort war Kripp. Mein Freund und Kamerad Helmut Eudenbach und ich machten uns auf den Weg nach Kripp. Der Weg führte an unserer alten Stellung am Obstgartenhäuschen vorbei. Wir besuchten unsere Kameraden, ein älterer Mann Unteroffizier und vier Luftwaffenhelfer. Es war am 8. Dezember 1944. Wir vernahmen deutliches Motorengeräusch von Tieffliegern. Helmut Eudenbach und ich rannten zu einem Unterstand neben dem Scheinwerfer, wir wussten, dass dort ein Maschinengewehr war. Als wir in der Deckung ankamen, war klar, hier ist nichts zu schießen, wir nahmen volle Deckung und hörten Bomben fallen und explodieren. Wir schauten langsam aus unserer Deckung – vom Gartenhäuschen, wo wir vor wenigen Sekunden noch waren, war nichts mehr zu sehen. Drei Bomben waren unmittelbar um das Gebäude gefallen.  Unter den Trümmern unsere Kameraden.

Helmut Eudenbach blieb an der Ruine und ich lief zur Brücke um zu berichten, was geschehen war. Es waren immer noch Flieger zu hören, allerdings  etwas weiter südlich. Unter einem großen Baum nahm ich Deckung, um nicht gesehen zu werden. Dann hörte ich weitere Bombeneinschläge und sah Rauchwolken hochsteigen. Diese Bomben waren auf meinen Heimatort Leubsdorf gefallen. In Erpel in einem Brückenturm berichtete ich unserem Chef, ein junger Leutnant, was geschehen war. Dieser schickte mich zu meiner Familie nach Hause. Ich hatte Urlaub bis zum nächsten Tag.

Zwei nicht zu vergessende Ereignisse will ich Ihnen noch kurz berichten.

Wir sollten an der Straße von Erpel nach Orsberg einen Bunker ausgraben. Warum und wozu, wussten wir nicht. Der Befehl war gegeben und wir machten uns an die Arbeit. Mit Pickel und Schaufel. Ankommende Tiefflieger beendeten allerdings unsere Arbeit recht schnell. Bombentrichter neben der Straße, die aber zugefroren waren, wären ein  guter Schutz gewesen. Aber neben dem Bombentrichter flach zu liegen, also links die Straße, rechts der Bombentrichter, musste auch reichen. Aus Richtung Orsberg in Richtung Rhein kamen zwei Lightnings. Die Lightning war ein Jagflugzeug, das im Anflug wie im Abflug schießen konnte. Ich lag höchstens 60 cm neben der Straße, auf der die Kugeln einschlugen. Als alles vorbei war, sprang ich in einen zugefrorenen Bombentrichter und war entsprechend nass. Ich ging nach Orsberg in ein Haus, weil ich wusste, dass die Bewohner meinen Vater kannten. Die Sorge der Alten in diesem Hause war, der Junge kann sich ja erkälten, ich zog meine Hosen aus, erhielt die warmen Unterhosen des Großvaters und musste so lange bleiben, bis meine Uniformhose trocken war. Ein guter Schutzengel hat mich in den vorgenannten Lagen beschützt.

Es muss Ende Februar gewesen, ich war mittlerweile im Brückenturm in Erpel in der Vermittlung. Unser Luftschutzraum hier war der unterste Raum, auf der Ebene der Bundesstraße. Wir hörten das Krachen der Bomben um die Brücke. Nach Ende des Angriffs gingen wir nach oben. Keine 100 Meter von unserem Turm waren Bombentrichter. Am Rande eines dieser Bombentrichter lag unser junger Leutnant, von der Bombe zerfetzt. Er hatte unseren Turm nicht mehr erreicht.

Mit diesen Begebenheiten will ich ihnen deutlich machen, dass wir im Krieg waren und es dennoch nach dem Telefongespräch mein erster Gedanke war: „Jetzt kommt der Krieg zu mir“. Jetzt kommt die Front an den Rhein.

An der Brücke waren durch Bombenangriffe oft Schäden, die diese für die Eisenbahn unbenutzbar machten. So war es auch in den ersten Märztagen. Andere Fahrzeuge konnten die Brücke nicht benutzen. Von den Pionieren hatte ich erfahren, dass die Brücke so ausgelegt werden sollte, dass auch andere Fahrzeuge die Brücke nutzen könnten. Am Rhein lag ein Schiff, von diesem wurden Holzschwellen auf die Brücke gebracht, in Remagen beginnend mussten bis Erpel  die Schwellen  so schnell wie möglich gelegt werden. In der Nacht vom 6. auf den 7. März wurde dies auch geschafft.

Massenweise kamen Soldaten, Militärfahrzeuge, von Pferden gezogene Kanonen und Zivilisten über die Brücke. Es war eine geschlagene Armee. Wenn es noch jemand gegeben haben sollte, der an den Sieg der Deutschen geglaubt haben sollte, es war klar, dies ist das Ende.

Ich hatte an meiner Vermittlungsanlage zu sitzen. Es kam der Morgen des 7. März. Die Informationen bestätigten, dass die  Amerikaner auf Remagen zu marschierten. Es gab aber keine Schlacht um Remagen, obwohl einige Gewehrsalven zu hören waren.

Ich fühlte mich in meinem Turm sicher. Selbst wenn man mit der Artillerie auf meinen Turm schießen würde, die Mauern würden dies aushalten. Wenn ich in den vergangenen Monaten etwas Besonderes gelernt hatte, war es Sicherheit zu

haben. Sicherheit für diesen Augenblick, für jetzt. Was später sein würde, war kein Gedanke. Die nächste Sekunde zu erleben war das Ziel. Verbindung hatte ich bis zuletzt mit einer Vermittlung der Flak im Keller in der Schule in Kripp und mit einem Luftwaffenhelfer auf der linken Rheinseite. Er sagte mir, sein Chef habe ihm gesagt, er solle dort bleiben und wenn die Amis kämen, nach Hause gehen. Er wohnte in unmittelbarer Nähe.

Es war wohl die Neugierde des 16jährigen, die mich dazu brachte, auf die oberste Turmplatte zu gehen, gebeugt, ausgestattet mit Stahlhelm und einem guten Fernglas, zu schauen, ob es was zu sehen gibt. Beim ersten Gang war nichts zu sehen. Es kann nicht viel später gewesen sein, da machte ich den nächsten Versuch. Dann sah ich den ersten amerikanischen Soldaten in meinem Leben.

Aus der ersten Gasse nördlich vom Brückenturm kam ein GI, das Gewehr im Anschlag ging dieser allein auf die Brücke zu. Einige  Minuten später stand ein Panzer am Bahndamm in Remagen. Schüsse fielen in dieser Zeit nicht. Ich aber wusste: jetzt ist es Zeit, die Brücke zu verlassen.

Zwischen dem Turm und dem Tunnel waren einige Meter von der linken Rheinseite Einzusehen, die ich im gebückten Laufschritt hinter mich brachte.

Am Eingang des Tunnels standen mehrer Offiziere, darunter der Chef der Pioniere, Hauptmann Friesenhahn, den ich kannte; diese waren sehr überrascht, mich zu sehen und gaben mir den Befehl, sofort nach hinten zu verschwinden. Ich war im Tunnel. Ich war sicher.

Es dauerte nicht lange und es hieß: alles hinlegen die Brücke wird gesprengt. Wir hörten einen Knall, damit war wieder Sicherheit. Im Tunnel konnte einem nichts passieren.

Dann die Parole: die Brücke steht noch. Wenige Minuten später: der Ami ist auf der Brücke. Diese Information war für mich das Signal  raus aus dem Tunnel, dies gelang und ich begann meinen Weg nach Hause zu meiner Familie.

Die Amerikaner benötigten keine 24 Stunden von Rheinbach nach Remagen und ich befürchtete, diese würden am Rhein nach Süden und schnell meinen Heimatort Leubsdorf erreichen. Deshalb ging ich etwa 1 km nach Osten und orientierte mich nach der Sonne auf meinem Ziel nach Süden. Die Objekte Steffensbrauerei in Kasbach und Basaltinwerk in Linz bestätigten mir, parallel zur Bundesstraße auf dem richtigen Weg zu sein. So erreichte ich meinen Heimatort von Osten kommend. Am frühen Abend dieses 7. März konnte ich meine Eltern und Geschwister begrüßen.

Wann ich meine Uniform  auszog, ist mir nicht mehr in Erinnerung. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass ich meinem guten Lufthelfermantel in einer kleinen Holzkiste , vor Regen mit Basaltinplatten gesichert hinter unsrem Haus vergrub. Aus diesem Luftwaffenhelfermantel erhielt meine Schwester später einen schicken warmen Mantel.

Die Amerikaner nahmen Leubsdorf am 12. März ein.

Nun begann eine neue Zeit, was ich bald bemerken konnte. Vor meinem Elternhaus sagte mir ein GI, du Soldat! Ich hatte aber einen Feldpostbrief von meinem Vetter Karl Haardt, er war ein Jahr älter als ich, bei mir. Dieser Brief hatte ein Datum vom Februar an die Adresse Hindenburgstrasse 44. Vor diesem Haus standen wir. Es wurde kein Problem.

Wenige Tage später erneut ein GI: du Soldat, neben mir stand ein Nachbar

Herr Gulisch, er zeigte seinen tschechoslowakischen Pass  und bestätigte mir, dass ich nicht Soldat war.

Erheblich schwieriger war es bei der dritten Begegnung. Alle Bürger waren aufgefordert, zu einer bestimmten Zeit sich in die Leubsdorfer Kirche zu begeben. Meine Großmutter, geboren 1871, weigerte sich dies zu tun. Meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder folgten dieser Aufforderung. Ich blieb bei meiner Oma. Vier Soldaten kamen in unser Haus. Oma und ich waren im Haus, was diese sehr erstaunte. Mir wurde klar gemacht, dass ich mit einem Soldaten zum Bürgermeister zu gehen hätte, dies war nur zwei Häuser weiter. Dort war eine Studienrätin, Frau Haubrich,als Dolmetscherin, die mir sagte, ich hätte mich auch in die Kirche zu begeben. Der Amerikaner und ich hinter ihm gingen zurück in unser Haus, wo die drei Soldaten mit meiner Großmutter geblieben waren. Dort redeten die amerikanischen Soldaten miteinander und verließen unser Haus. Die zuvor geschilderte Szene – Besuch beim Bürgermeister – dauerte 10-12 Minuten. Drei junge Soldaten sind mit einer Großmutter in dieser Zeit in einem Zimmer, ihr Kamerad kommt zurück und der junge Deutsche auch. Es ist meine sichere Überzeugung, diese jungen Männer wurden an ihre eigenen Großmütter erinnert.

Die nächsten Begegnungen in diesen Tagen waren erfreulicher. Die Front hatte sich entfernt, wir hatten eine Gastwirtschaft und es gab möglicherweise etwas zu trinken.

Meine Englischkenntnisse aus der Handelsschule waren auch zurückgekehrt.

Die erste Frage dieser Soldaten an mich war „Was macht Max Schmeling ?“  Meine Antwort war die Frage „Was macht Shirley Temple ?“ Diese Unterhaltung endete mit einem Geschenk, einem Football.

Der Krieg in unserer Heimat war damit für uns beendet.

Ab Juni 1945 setzte ich meine Lehre bei der Kreissparkasse Neuwied fort. In der Katholischen Jugend begann die Suche wie es weiter gehen würde. Unser Pfarrer Josef Lellmann, ein Andernacher, wusste uns guten Rat. Ich gründete in unserer  Pfarrei die DPSG, die Deutsche Pfadfinderschaft Sanct Georg und fand den Weg zur Jungen Union. Am 16.Mai 1947 vor der 1. Landtagswahl in Rheinland-Pfalz wurde ich Mitglied der CDU.

Unsere Großeltern und unsere Eltern und meine Generation haben Deutschland wieder aufgebaut. Frieden war das oberste aller Ziele.

Auf der rechten Rheinseite gibt es einen sehr mächtigen Basaltstein. Dieser wurde aus dem Rhein geholt, als die Brückenfeiler beseitigt wurden. Ich habe dem damaligen Bürgermeister Edgar Neustein gesagt, es muß etwas auf diesen Stein, damit der nicht so nackt da steht. Das Ergebnis ist eine Plakete auf der steht ein Wort des 1. Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland Dr. Konrad Adenauer : Frieden ohne Freiheit ist kein Friede.

Das haben wir geschafft. Die Kinder meiner Enkel werden in Europa in Frieden leben können.

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